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Am Ende eines Tages sammelt die Sonne ihre Strahlen wieder ein.
Ich habe mir eine Notliege auf das Zimmer meiner Frau bringen lassen und die Nacht bei ihr verbracht. Zum Glück konnten wir ein wenig schlafen, zu erschöpft waren wir von dem, was wir zuvor mitgemacht hatten. Gegen 07:00 Uhr wurden wir vom Kinderarzt geweckt und uns wurde mitgeteilt, dass es um Neil auch nicht gut aussehen würde und er nun notgetauft werden müsse....Was kann/muss ein Mensch aushalten? Ich habe kurzerhand meine Schwiegermutter informiert. Sie kam zum Krankenhaus und gemeinsam mit Schwestern, Familie und Pfarrer haben wir die Taufe von Neil erlebt. Gedanklich haben wir mit dem schlimmsten gerechnet. Es sollte aber anders kommen. Neil ist ein sehr starker, tapferer kleiner Mann gewesen und hat 6 Wochen lang gekämpft. 6 Wochen zwischen Hoffen und Bangen, aber der Reihe nach. Ich bin natürlich vom Arzt krankgeschrieben worden, wie sollte ich auch nur an Arbeit denken. Die Zeit die nun vor mir lag, wird mich langfristig sicherlich zu einem anderen Menschen machen. Äußerlich ist dies nicht erkennbar, die Prioritäten verschieben sich aber gewaltig. Ich hatte als Vater die Aufgabe so viele Leute wie möglich über das, was geschehen ist, zu informieren und mich um die anstehende Beisetzung von Lilly, sowie den anfallenden Schriftkram zu kümmern. Sachen um die ich mich im letzten Drittel der Schwangerschaft kümmern wollte, musste ich mir nun kurzfristig aneignen. Ohne die Hilfe meiner Schwiegermutter, den Beistand meines Schwagers und seiner Familie hätte ich diese Zeit sicherlich nicht so durchgestanden. Unser Freundeskreis, der sich mit uns auf die Zwillinge gefreut hat, wusste ja auch noch nicht, was an dem Wochenende passiert ist. Meine Schwiegermutter und ich haben uns die Leute aufgeteilt und telefonisch informiert. Mit jedem Anruf wurde einem die Situation aufs neue vorgeführt. Der normale Tagesablauf in dieser Zeit sah wie folgt aus: Aufstehen, Anruf auf der Frühchenstation, frühstücken, zum Krankenhaus fahren um Frau und Sohn zu versorgen bzw. besuchen, zwischenzeitlich nach Hause um etwas zu Essen (in dieser Zeit war meine Schwiegermutter bei meiner Frau), etwas Schriftkram erledigen, zum Krankenhaus fahren. Abends wenn ich nach Hause kam, wirkte alles komisch. Ich bin ein Mensch, der gut alleine zurecht kommt, aber ich habe meine Frau vermisst. Der Anrufbeantworter war jeden Abend voll bzw. das Telefon läutete immer wieder mal. Ich habe nur bestimmte Telefonate angenommen und nach und nach die Leute zurückgerufen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit der Situation umzugehen hatte. Der AB hat häufig die gleichen Nachrichten widergegeben: Hallo, hier ist "XY", bitte ruf zurück, ich/wir möchten wissen, wie es Petra und dem Kleinen geht... Und was ist mit mir? Wohin mit meine Gefühlen? Sicherlich will ich für meine Frau immer der starke Rückhalt sein, aber in solch einer Situation, in der einem der Boden unter den Füßen ohne jegliche Vorwarnung weggezogen wird, ist das nicht leicht ohne eigenes Rettungsseil. Bevor ich zu Bett ging, habe ich immer gegen 23 Uhr nochmal auf der Frühchenstation angerufen, um mich nach dem Zustand von Neil zu erkundigen. Ich weiss nicht, wie viel ich gebetet habe. Im Unterbewußtsein habe ich immer Angst gehabt, dass das Telefon in der Nacht klingelt...... 12 Tage nach der Entbindung, am 19.06.2008 wurde meine Frau aus dem KH entlassen. Sie klagte zu diesem Zeitpunkt schon im KH über Schwindel, aber das gewünschte und angeordnete MRT wurde dort von dem ansässigen "Privat-Orthopäden" Dr. "Graupe" trotz Anweisung der zuständigen Ärztin nicht durchgeführt, dazu später mehr. Einen Tag später, am 20.06.2008 um 12 Uhr wurde Lilly beigesetzt. Der Pfarrer, der die Beerdigung für Lilly durchführte, ist sehr wichtig für uns geworden. Ich hatte ihn im Vorfeld in einem Vorgespräch kennengelernt und direkt einen guten Draht zu ihm. Nach einem Vorgespräch bei mir zu Hause am 16.06.2008 hatten wir dann im Krankenhaus gemeinsam mit meiner Frau die Trauerfeier besprochen: Keine schwarze Kleidung, unter offenem Himmel. Wir haben im engsten Kreise Abschied von ihr genommen. Zeitgleich wurde Neil operiert. Er bekam einen künstlichen Darmausgang. Die OP hatte er gut überstanden. Abends sind wir dann noch einmal zum Friedhof gefahren. Zuvor waren wir im Krankenhaus um nach Neil zu schauen. Zufällig trafen wir den Privat-Orthopäden, der meine Frau nicht behandelt hat und sagtem ihm, dass der Schwindel stärker geworden ist. Er meinte, meine Frau solle sich bei Ihrem Hausarzt einen Termin für ein MRT der HWS geben lassen.......sprich die Behandlung, die er nicht gemacht hat. Ich überlege immer noch, Dr. "Graupe" zu verklagen bzw. bei der Ärztekammer zu melden. Für mich ist dies der Prototyp des "Dr. Sunshine": "Wie? Sie haben Schmerzen? Ich muss jetzt zum Golf. Kommen sie zur Sprechstunde, wenn Sie reich sind und gesund...." Der Schwindel meiner Frau wurde von Tag zu Tag schlimmer, so dass Sie nur durch intensive Betreuung zu Hause das Wochenende einigermaßen überstehen konnte. Jetzt auch noch die Angst, dass was an der Halswirbelsäule ist. Sie konnte nur in einer Position schlafen, mit dem Stillkissen gestützt. Flach auf dem Rücken hat sofort der Schwindel eingesetzt. Für mich bedeutete dies, dass nun meine Frau auf meine Unterstützung angewiesen war, der kleine Neil von mir besucht wurde und Lilly natürlich auch. Am Dienstag der Folgewoche wurde meine Frau in einem anderen Krankenhaus stationär aufgenommen, um den Schwindel zu untersuchen. MRT von Kopf und HWS ergaben keine Befund. Der Schwindel hatte einen psychischen Auslöser. Jetzt war ich wieder alleine zu Hause. Auf der einen Seite war dies schlimm, weil mir meine Frau natürlich fehlte. Auf der anderen Seite wusste ich sie gut aufgehoben. Mein Sohn lag nun in dem einen Krankenhaus, meine Frau in dem anderen Krankenhaus, die nächsten 7 Tage hieß es nun zwischen den Krankenhäusern und zu Hause zu pendeln. Meine Hauptmahlzeit habe ich meistens abends zu mir genommen, nachdem ich vom Friedhof kam. Mit der Zeit wurde der Schwindel besser und ich konnte mit meiner Frau zu Neil fahren. Wie unendlich schön es war, den beiden zuzuschauen. Nach einer Woche schließlich durfte Petra wiede nach Hause und wir konnten ab jetzt gemeinsam zum Krankenhaus fahren. Wir wussten mit der Zeit, wann die Versorgungszeiten von Neil waren und wurden daran aktiv beteiligt. Für meine Frau und mich gab es keine Zeit um intensiv um Lilly zu trauern, da ihr kleiner Bruder tapfer auf der Intensivstation um sein junges Leben gekämpft hat. Tag für Tag hat es neue Hiobsbotschaften der Ärzte gegeben, denen sich der Kleine kräftig widersetzt hat. Immer wenn wir gedacht haben, jetzt geht es aufwärts, gab es kurze Zeit später neue offene Baustellen. Leider gab es für Neil keinen Schutzengel, der ihm die Möglichkeit gegeben hat, die Kraft zu tanken, die ihm die Chance auf ein normales Leben ermöglicht hätte. Am 20. Juli 2008 hatte der kleine Wurm keine Kraft mehr und die Entscheidung getroffen, seiner Schwester zu folgen. Wir waren an dem Tag abends das erste Mal wieder bei Freunden. Als wir nach Hause kamen ging das Telefon und wieder wurde mir gesagt, dass die Werte sich verschlechtert hatten und es sich nun in die eine oder andere Richtung entwickeln könnte. Ich informierte meine Frau und wir fuhren zum Krankenhaus. Im Unterbewußtsein wussten wir beide, dass es das letzte Mal sein sollte, dass wir zum Krankenhaus fuhren. Leider verschlechterten sich Neils Werte weiter, so dass die Instrumente bald keine Messergebnisse mehr anzeigten. Als die anwesende Ärztin meine Frau fragte, ob sie den Kleinen nun aus dem Brutkasten haben wolle, wussten wir dass die Zeit des Abschieds gekommen war. Neil schlief in den Armen meiner Frau ein. Meine Schwiegermutter war auch mit dabei im Krankenhaus und wir konnten gemeinsam vom unserem kleinen Sonnenschein Abschied nehmen. Petra durfte den Kleinen sogar mit der Schwester waschen und anziehen. Das erste Mal, dass Neil ohne Kabel und Instrumente war. Ich hab diese Momente auf einem Stuhl sitzend beobachtet und für immer in mir gespeichert. Später sind wir dann voller Trauer nach Hause gefahren....
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